Iryna und Paul. Zwei sehr unterschiedliche Leben.
Iryna, die mit einem Teil ihrer Familie nach Ausbruch des Ukrainekrieges in ein fremdes Land flieht.
Paul, der mit seiner pflegebedürftigen Mutter in jenem Land lebt.
Als diese beiden Menschen aufeinandertreffen, gerät vieles ins Wanken. Es stellt sich die Frage, ob Liebe allein stark genug ist, um Schuldgefühle, Angst und Ohnmacht zu überwinden.
Angeschlossen ist ein Interview mit Albina Haidai, die 2022 mit ihrer Tochter aus der Ukraine nach Österreich geflüchtet ist.
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Leseprobe
Seine Mutter zu pflegen war für Paul nie eine Frage gewesen. War eine unausgesprochene Vereinbarung, etwas, das man tat, ohne zu murren. Das man schuldig war, als Kind. Eine Wiedergutmachung für die Mühen und Entbehrungen, die die Mutter für ihn, Paul, auf sich genommen hatte.
Die Betreuung ging anfangs leicht von der Hand, wobei vor allem die Tatsache, mit der Mutter im selben Haushalt zu leben, die Angelegenheit erheblich erleichterte. Pauls sonst eher beherrschtes Gemüt geriet jedoch ab jenem Zeitpunkt ins Wanken, ab dem seine Mutter durch eine beginnende Demenz bei seiner beruflichen Tätigkeit – er und sein Geschäftspartner Max betrieben ein Architekturbüro – zur Belastung wurde, wenn Paul auch dieses Wort im Grunde ablehnte. Eine Mutter stellte keine Belastung dar, das lag in der Natur der Sache, also allein in dem Faktum, Mutter zu sein. Einer Mutter, die einem unter Schmerzen das Leben geschenkt und ihres dafür quasi aufgegeben hatte, schuldete man Respekt und Opferbereitschaft.
Und da war noch etwas, sozusagen das Wesentlichste neben all dem Selbstverständlichen. Die Mutter hatte nur mehr ihn, Paul, den Sohn. Nicht nur weil der Vater eigentlich viel zu früh gestorben war, nein, sondern weil der zweite Sohn, Pauls Bruder, der sinnigerweise Peter geheißen hatte, ebenfalls viel zu früh gestorben war. Bei einem Unfall mit dem Fahrrad im zarten Alter von 14 Jahren, ein schlaksiger Halbwüchsiger, verstrickt in die Wirren der Pubertät, aus dem Leben gerissen an einem sonnigen Nachmittag.
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Informationen zum Buch
Liane Locker
HEUTE NACHT, IRYNA
Roman
ISBN: 978-3-903190-82-5
Verlag am Rande, 1. Auflage Nov. 2026,
Hardcover, Fadenheftung, Lesebändchen
368 Seiten, € 26,40
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